Das Gedächtnis der Nation

Was http://webarchive.org für das ganze Internet sein will, ist die Deutsche Bibliothek für einen Großteil der Deutschen Schriften.

Seit 1945 werden alle Druckwerke, die in Deutschland veröffentlich werden, eine Auflage von mir als fünf Exemplaren haben und mehr als zehn Seiten Manuskript fassen, in der Deutschen Bibliothek in den Niederlassungen Frankfurt und Leipzig archiviert. Mag ein Buch seit Jahren im Buchhandel vergriffen sein, oder mag es von einer Sonderauflage nur ein paar hundert Sammlerstücke geben, die Deutsche Bibliothek in Frankfurt hat es (wahrscheinlich). Nicht nur Bestseller-Romane auch jedes Gemeinde-Blättchen und sogar Schülerzeitungen werden in Frankfurt auf in einem riesigen unterirdischen Labyrinth aus Gängen und Regalen aufbewahrt. Diese größte Deutsche Universalbibliothek versteht sich als kulturelles Gedächtnis der Nation. Die Deutsche Bibliothek hat in Frankfurt und Leipzig insgesamt über 22,5 Millionen Schriften gesammelt. Allein in Frankfurt stehen auf drei Etagen – so groß wie zwei Fußballfelder – 7,5 Millionen Bücher. Deutsche Verlage sind verpflichtet, von jedem Werk zwei Pflichtexemplare kostenlos der Deutschen Bibliothek zukommen zu lassen, nicht nur von jeder Neuerscheinung, auch von jeder äußerlich veränderten Neuauflage gehen zwei Exemplare nach Frankfurt oder Leipzig. Frankfurt ist dabei schwerpunktmäßig für die Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnik sowie den Aufbau und die Führung der zentralen Datenbank zur Verfügung. (http://opac.ddb.de)
Beim Gang durch die 50 Meter langen Gänge schlägt dem Besucher allerdings nicht der Geruch alter, verstaubter Büchersammlungen entgegen. Eher strahlen die fahrbaren Regalsysteme mit ihren Kurbeln an den Seiten die Kühle Aktenverwaltung einer Behörde oder Bank aus. Thematisch herrscht hier das Chaos. Die 300 Regalkilometer seien nur nach Jahren sortiert und nach der Höhe ihrer Buchrücken, erklärt Stephan Jockel, Pressesprecher der Deutschen Bibliothek. Tagtäglich wuseln ein dutzend Mitarbeiter durch die Gänge um Buchbestellungen anzunehmen, die von oben eingehen: Aus dem großen Lesesaal. Wie jede Stadtbücherei steht die Deutsche Bibliothek jedem Bürger offen. Mit einigen Einschränkungen: Für einen Tag kostet es fünf Euro Eintritt und Bücher ausleihen ist streng verboten, außer sie dienen nachweislich einer wissenschaftlichen Arbeit. Dazu zählt allerdings die Habilitation genauso wie ein Referat in der Schule, trotzdem braucht niemand nach Frankfurt fahren, vor Freude, dass ein seit Jahren vergriffener Roman dort im Keller steht. In den Regalen des Lesesaals finden sich „nur“ Nachschlage werke. Aber wann hat man schon einmal die Gelegenheit in einem Lexikon aus dem Jahr 1733 herumzuschmökern?
Denk man an die jährlich 80’000 Neuerscheinungen, scheinen die Lagermöglichkeiten begrenzt. Doch Stephan Jockel weiß: „Bis ins Jahr 2030 wird der Platz ausreichen.“ Außerdem werden die Bücher bald ein wenig zusammenrücken, damit gewinnt man Platz für zwei weitere Jahre.

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