Saperé Aude – Deutschklausur 12/1

Immanuel Kant definiert Aufklärung als „den Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“ und forderte: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“
Diskutiere, ob wir im Kantschen Sinne in einer aufgeklärten Welt leben!

So lautete die Aufgabenstellung zur Deutschklausur im Wintersemester 12/1. Frei nach Kant wollte ich mich mal bemühen und mich „meines eigenen Verstandes“ bemühen, nicht etwa irgendwelche Eigenarten in Goethes Faust heraus zufrikeln. Leider hat es nur für 7 Punkte gereicht, was einer drei minus einspricht.
Es wurden fehlende Beispiele, nicht immer sinnvolle zusammenhänge und auch einige sprachliche Mängel kritisiert. Von meiner Gliederung her, dachte ich eigentlich sei die Schulaufgabe gelungen, schade eigentlich…

„Das beste Argument gegen die Demokratie ist ein Fünf-Minuten Gespräch mit einem durchschnittlichen Wähler.“ Dieses Zitat wird Winston Churchill zugeschrieben, englischer Staatsmann. Seiner Meinung nach beschreibt es den Zustand der Demokratie, ähnlich zu den Aussagen Kants „Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“. Verschiedene Meinungen sind in einer pluralistischen Gesellschaft, wie wir sie kennen, unerlässlich und treibende Kraft, aber auch nur wenn es fundierte Meinungen sind, da sie kritisch hinterfragt und reflektiert wurden. Nachfolgend soll dargestellt werden, inwieweit wir heute „im Kantschen Sinne“ in einer aufgeklärten Welt leben.

Die aktuellen Schlagzeilen sind bestimmt von einem Ereignis: Eine deutsche Archäologin wurde im Irak entführt. Die Täter, davon ist auszugehen, fühlen sich im Recht, diese Gräueltaten mit Unschuldigen durchzuführen. Susanne Osthoff war als freiwillige soziale Helferin in den Irak gekommen. Jetzt ist sie Opfer fundamentalistischen Terrors geworden. Man weiß nicht, aus welcher Motivation die Täter sie entführt haben, aber es ist von einem überwiegend religiösen Anlass, vermischt mit politischem Hass, auszugehen. Falls das nicht der Fall sein sollte, lässt sich auf genug andere terroristische Attentate zurückgreifen, sei es in London oder Madrid. Hier handeln Menschen, geführt von einer Idee, Überzeugung oder Glauben und reißen somit sich und viele andere in den Tod. In der Kultur, in der diese Leute aufgewachsen sind, hat es eine Aufklärung allgemein und im „kantschen Sinn“ (noch) nicht gegeben. „Saperé aude“ – Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen, ist einer Kants Leitgedanken. In einer von Religion und Tradition geprägten Gesellschaft ist das kaum möglich. Jegliche Kritik wird von den großen Kirchenvertretern abgeblockt und Skeptiker werden wegen Ketzerei verurteilt.
Aber genauso kann man auch auf die westliche Welt schauen. Amerikanische Soldaten im Irak, die Sinnbild von Demokratie und Freiheit sein wollen, werden in dieser Krisenregion harten Anforderung unterzogen. Trotzdem sind Verletzungen des Menschenrechts unentschuldbar, auf das sich die westliche Welt beruft. Die Menschenwürde wurde sprichwörtlich „mit den Füßen getreten“ titelten einige (Boulevard-) Zeitungen, als die Misshandelungen der Iraker in dem US-Gefängnis „Abu Grahib“ bekannt wurden und die Öffentlichkeit darüber diskutierte. Die Soldaten sagten hinterher im Prozess aus, dass sie nur auf Befehl gehandelt hätten. Ganz davon abgesehen, wer solche Befehle erteilt, lässt sich auch unaufgeklärtes Handeln wieder finden. Die Soldaten hätten sich bewusst sein sollen, dass auf einem Gefangenen zu Urinieren nicht einmal in der strikten Befehlskultur der US-Armee zu dulden ist.
Dabei ist natürlich die Rolle der Massenmedien nicht zu unterschätzen. Journalismus versteht sich als Kontrollorgan gegenüber dem Staat, weil kritisch und mit „eigenem Verstand“ etwas hinterfragt werden kann. Massenmedien werden oft auch „Spiegel der Wirklichkeit“ genannt, dienen trotzdem teilweise der politischen Stimmungsmache und Meinungsbeeinflussung. Erschreckend sind die Zahlen zur meistgelesenen deutschen Zeitung und die Qualität deren Inhalts. Frei nach Kant ist es selbst verschuldet, wenn die Mehrheit der Deutschen lieber eine leicht bekleidete Dame als anspruchsvolle, kritische Texte auf der Titelseite haben will. In einem Atemzug mit Meinungsbeeinflussung kann die diesjährige Bundestagswahl hergenommen werden. Der prozentual sehr hohe Zuwachs extremistischer Parteien, ob links- oder rechtsextremistisch, ist größtenteils falscher Stimmungsmache zu „verdanken“. Verständlich, dass solche Parteien ihre Ideen und Programme durch eine solche Plattform gut verbreiten können. Wieder kann Kants Aussage herangezogen werden, wonach die Menschen, die solchen Parteien zugeneigt sind, als zu faul sich ihren eigenen Verstandes zu bemühen „eingestuft“ werden können. Hätten sie sich einmal damit auseinander gesetzt, mit welchen utopischen Vorstellungen die extremen Parteien locken, dürfte ihnen aufgefallen sein, dass diese momentan nicht wirklich verwirklichbar sind.

Trotzdem sind wir auf dem Weg die Aufklärung im kantschen Sinne weiter zu führen. Paradebeispiel ist hierfür immer noch die Kirche, die zu Kants Zeit viel mehr Einfluss auf das Leben der Menschen und auf die weltliche Politik genommen hat. Dass sich im Zug der Aufklärung das Selbstverständnis der Kirche geändert hat, war notwendig. Die heutige Kirche mischt sich nicht mehr in weltliche Diskussionen und in die Wissenschaft ein. Sogar Beweise, die gegen die Aussagen der Bibel sprechen, werden heutzutage anerkannt. Thesen von Galileo Galilei, die man als bewiesen ansehen kann, zur Stellung unserer Erde im Planetensystem, sind von der Kirche akzeptiert und geduldet. Wenn es auch lange gedauert hat, bis die Kirche durch ihren eigenen Verstand eingesehen hat, dass die Behauptung, die Erde sei der Mittepunkt des Universums haltlos ist. Man ist aus seiner „Unmündigkeit“ herausgekommen und Wissenschaft und Kirche können friedlich nebeneinander existieren.
Als einen weiteren Gesichtspunkt der fortschreitenden Aufklärung kann der nun 60 Jahre andauernde Frieden in Europa angesehen werden, abgesehen von der Kosovo Krise. Die verschiedensten Putschversuche einen Diktator an die Macht kommen zu lassen, sind gescheitert. Die Menschen haben gelernt, was Frieden und Demokratie ausmacht, man setzt sich heute mit Vernunft an den Verhandlungstisch anstatt die Gewehre aufeinander zu richten. Man lässt sich nichts mehr vorschreiben, die Leute haben auch gelernt sich ihres „eigenen Verstandes“ zu bemühen.
Grundgedanken hierfür müssen natürlich ganz früh vermittelt werden. Maßgeblichen Einfluss im „kantschen Sinne“ haben die Bildungseinrichtungen. Schon in der Schule soll der Grundstein für die Entwicklung zu einem aufgeklärten Individuum gelegt werden. Neue verbesserte Lehr- und Lernmethoden zielen direkt darauf ab, den Schüler aktiv mit einzuspannen, sodass er selbst mitdenken muss. Man kommt immer mehr davon los sturen Frontalunterricht zu halten, sondern bezieht die Schüler durch Gruppenarbeit und Lernzirkel aktiv in den Prozess des Lernens mit ein. Selbsterarbeitete Texte und Formeln können sich die Schüler nicht nur besser einprägen, ihnen auch das „Werkzeug“ mit an die Hand gegeben in der heutigen Gesellschaft nicht alles schlucken zu müssen, sonder auch kritisch zu hinterfragen.
Am meisten Gebrauch von diesem Abwäge-, Filter und Differenzierungsmechanismus macht man in anbetracht der immer fortschreitenden Entwicklung des Internets zur Informationsquelle. Anfangs wurde schon von den Massenmedien gesprochen, das Internet aber bewusst außen vor gelassen. Obwohl es immer mehr zum Massenmedium avanciert, nimmt das Internet eine Sonderstellung ein. Völlig ungefiltert und unzensiert, das war jedenfalls der ursprüngliche Gedanke, sollten wissenschaftliche Ereignisse, Studienergebnisse, wissenschaftliche Schriften und Papiere bereitgestellt werden. Heute ca. 15 Jahre nach den Anfängen ist das Internet genauso ungefiltert und unzensiert Spielwiese für Verschwörungstheoretiker, Neurotiker und Arten von Spinnereien geworden. Im Zuge dessen ist es also ganz wichtig Wahrheit von Lüge und sauber recherchiertes von persönlichen Meinungen unterscheiden zu können. Wer nach Kants Aussage zu faul ist solch eine eigene Abwägung zu treffen, wird mit dem Internet als Informationsmedium nur schwer zurechtkommen. Dass dem Internet eine große Zukunft blüht, ist durch die momentane Entwicklung zu erwarten. Trotzdem ist es ach hier wichtig sich immer wieder Kants Hypothese zu verdeutlichen den Mut aufzubringen zu reflektieren und skeptisch zu sein.

Trotzdem sollten wir uns bewusst sein, dass ganz abgesehen von der Wissenschaft, Aufklärung in unserem täglichen Alltag eine Rolle spielen sollte. Einfach immer nur blind durch die Welt zu gehen und alles zu schlucken, würde zu einem schöpferischen Stillstand führen, in dem auch die Demokratie gefährdet wäre. Uns sollte alles daran liegen, dass selbst „fünfminütige Gespräche mit einem Durchschnittswähler“ keine Argumente gegen Demokratie mehr bieten, sondern bekräftigend wirken: „Der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ ist ein immer fortdauernder Prozess, der durch die Medien, speziell auch durch das Internet, vorangetrieben wird und uns in Zukunft die Einhaltung der Menschenrechte gewährleisten und den Frieden sichern kann.

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One Response to Saperé Aude – Deutschklausur 12/1

  1. Joachim Kraus sagt:

    Hier etwas Innerstaatliches aus meinem täglichen Alltag, dass zweifelsfrei die Demokratie gefährdet.

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    Ich wünsche mir wieder frei und unbeschädigt zu sein, wie vor der Pflicht zur Wahrnehmung strafrechtsbezogener hoheitsrechtlicher Aufgaben für den Staat.

    Welche Rechtsnormen sind geeignet nachstehende Verhältnisse zu rechtfertigten?
    Wie findet man eine Handhabe gegen diese Verfassungswidrigkeit?

    Wie ist es eigentlich ohne weiteres möglich, dass eine privatrechtlich s a i s o n a l e (zeitlich begrenzte) Aushilfskraft einer Bundes(Verfolgungs)behörde gegen seine eigenen zwangsläufig zukünftigen potenziellen Arbeitgeber als Prüfungsleiter strafrechtlich ermitteln muss, ohne das für diese selbstständigen Wahrnehmungen hoheitlicher Kompetenzen und polizeivollzugsdienstlich gleichen Maßnahmen seine persönliche Einwilligung zu diesen Leistungen vorliegt?

    Warum werden hier durch politische Ziele der strafrechtlichen Verfolgung von Arbeitgebern verbürgte Rechte eines Aushilfsangestellten mit der Folge verletzt, die nachweislich seine Chancengleichheit beruflicher Betätigung am Arbeitsmarkt gegenüber anderen Bewerbern massiv benachteiligen?
    – – Zitat aus einer Bewerbungsabsage: “… teilen wir Ihnen mit, daß wir Ihre betriebsprüferischen Qualitäten zur ordnungs- und strafrechtlich präventiven Belehrung und Kontrolle nicht in Anspruch nehmen möchten”

    Muss nach unserer Grundordnung nicht ausgeschlossen sein, dass mit solchen behördlich aufoktroyierten staatlichen Daueraufgaben persönliches und berufliches Fortkommen dauerhaft ruiniert wird?

    Aus welchem Grunde besteht eine Pflicht Aufgaben eines Betriebsprüfers als Einzel- und Gruppenermittler im Arbeits- bzw. Bewerbungszeugnis zu offenbaren, die ja als Bewerbungsunterlagen dienen sollen?

    Warum dürfen für betreffende Ermittlungspersonen hier keine subjektiven, personenbezogenen Rechte geschützt und staatliche Fürsorge geleistet werden?

    Warum werden dieser Zustand und die zynischen Vorgehensweisen eines Verwaltungsleiters und ehemaligen DDR-Blockpartei- Kreisvorsitzenden, der sich doch so mit den Zielen und der Politik der damaligen SED identifizierte, durch die Gerechtigkeitspartei SPD gestützt?

    Kann man denn außerhalb eines hierzu bestimmten autorisierten Rechtsverhältnisses zu hoheitsrechtlich polizeivollzugsdienstlich gleichen Handlungen ohne verfassungsmäßigen Schutz gezwungen werden?

    Mit Hinsicht auf etwas Zeit für eine Antwort, bis bald und alles Gute.

    Mit freundlichen Grüßen
    Ihr Träger hoheitlicher Gewalt mit Befugnissen aus der Eingriffsverwaltung in befristeten privatrechtlichen Schuldverhältnissen a.D.

    Joachim Kraus
    Tel. 037436 83988

    P.S. Bei eventueller Unklarheit nochmals kurzum und konkret die Frage.

    Warum ist es in diesem Land möglich, Aufgaben und Befugnisse aus dem Gewaltmonopol des Staates, hier z.B. von Eingriffen in das informationelle Selbstbestimmungsrecht freier Bürger, an zeitlich begrenzte Aushilfsangestellte in privaten Rechtsverhältnissen zu übertragen. Noch dazu, wenn diese dann daraus nachhaltige persönliche Schädigungen erleiden?

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